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Wagenlenkergleichnis der Katha-Upanishad

In der Kaṭha-Upaniṣad wird die menschliche Existenz mit einem Wagen verglichen, der von fünf Pferden gezogen wird. Der Wagen entspricht dem Körper (śarīra), die fünf Pferde entsprechen den fünf Sinnesorganen (indriya). Der Wagenlenker wird mit der reinen Intelligenz (buddhi) und die Zügel mit dem Sinnesbewusstsein oder dem Sinnen-Mental (manas) gleichgesetzt. Der Herr des Wagens bzw. der Kutsche ist ātmā (die individuelle göttliche Seele).
Das Ziel des menschlichen Lebens ist, den Herrn der Kutsche (= ātmā) zu erkennen und seine inneren Anweisungen jeden Moment zu befolgen. Der Wagenlenker (buddhi) kann so durch bewusstes und straffes Halten der Zügel (manas), die Pferde (indriya) auf dem richtigen (Lebens)Weg zu lenken..

Die Kaṭha-Upaniṣad besteht hauptsächlich aus einem Dialog zwischen Yama, dem Totengott und dem spirituell interessierten Jüngling Naciketa. Yama lehrt Naciketa durch verschiedene Gleichnisse über die Unsterblichkeit des Selbst (ātmā). Das Wagenlenkergleichnis der Kaṭha-Upaniṣad, welches unten in Sanskrit und Deutsch wiedergegeben wird, ist eine der bekanntesten Gleichnisse der Upaniṣaden.

In der Bhagavadgītā / Mahābhārata wird ein ähnliches Wagenlenkergleichnis beschrieben: Arjuna wählt Sri Krishna als Wagenlenker für seinen Streitwagen. Arjuna repräsentiert den menschlichen Aspekt, Sri Krischna die göttliche Seele (ātmā).
Hier wird aufgezeigt, dass sich Arjuna in die Obhut der göttlichen Seele (ātmā) bzw. des inneren Führers (antaryāmī) begibt, um sich von IHM führen zu lassen.

Sanskrit-Text der Kaṭha-Upaniṣad
– Teil 1, 3. Kapitel, Verse 3 – 9

Deutsche Übersetzung aus dem Buch  „Katha-Upanishad – die Unsterblichkeit des Selbst“ von Swami Nikhilananda:

ātmānaṁ rathinaṁ viddhi
śarīraṁ ratham eva tu Ι
buddhiṁ tu sārathiṁ viddhi manaḥ
pragraham eva ca ΙΙ 1,3,3 ΙΙ

Erkenne den Ᾱtman als den Herrn der Kutsche.
Der Körper ist der Wagen,
Buddhi der Wagenlenker
und das Denken (Manas) die Zügel. (1,3,3)

indriyāṇi hayān āhur
viṣayāṁs teṣu gocarān Ι
ātmendriya-mano-yuktaṁ
bhoktety āhur manīṣaṇaḥ ΙΙ 1,3,4 ΙΙ

Die Sinne sind die Pferde,
die (Sinnes)Objeke die Wege.
Die Weisen nennen den Ᾱtman in Verbindung
mit Körper, Sinnen und Denken den Geniesser. (1,3,4)

yastu avijñānavān bhavaty
ayuktena manasā sadā Ι
tasyendriyāṇy avaśyāni
duṣṭāśvā iva sāratheḥ ΙΙ 1,3,5 ΙΙ

Wenn Buddhi durch Verbindung mit einem Denken,
das stets abgelenkt wird,
ihr Unterscheidungsvermögen verliert, geraten die Sinne
ausser Kontrolle wie ungebändigte Pferde. (1,3,5)

yastu vijñānavān bhavati
yuktena manasā sadā Ι
tasyendriyāṇi vaśyāni
sadaśvā iva sāratheḥ ΙΙ 1,3,6 ΙΙ

Aber wenn Buddhi durch Verbindung mit einem stets beherrschten Denken
Unterscheidungsvermögen besitzt,
gelangen die Sinne unter Kontrolle
wie die gehorsamen Pferde eines Wagenlenkers. (1,3,6)

yastu avijñānavān bhavaty
amanaskaḥ sadā aśuciḥ Ι
na ma tat padam āpnoti
saṁsāraṁ cādhigacchati ΙΙ 1,3,7 ΙΙ

Wenn Buddhi durch Verbindung mit einem abgelenkten Denken
ihr Unterscheidungsvermögen verliert und deshalb ungeläutert bleibt,
kann die verkörperte Seele ihr Ziel nicht erreichen,
sondern betritt den Kreislauf der Wiedergeburt. (1,3,7)

yastu vijñānavān bhavati
samanaskaḥ sadā śuciḥ Ι
sa tu tat padam āpnoti
yasmād bhūyo na jāyate ΙΙ 1,3,8 ΙΙ

Wenn Buddhi durch Verbindung mit einem beherrschten Denken
Unterscheidungsvermögen besitzt und deshalb geläutert bleibt,
kann es (Buddhi) die verkörperte Seele zum Ziel führen,
von dem es keine Wiedergeburt gibt. (1,3,8)

vijñāna sārathir yastu
manaḥ pragrahavān naraḥ Ι
so‘dhvanaḥ pāram āpnoti
tad viṣṇoḥ paramaṁ padam ΙΙ 1,3,9 ΙΙ

Ein Mensch, der seinen Wagenlenker kennt
und die Zügel des Denkens festhält,
gelangt an das Ende des Weges,
und das ist die höchste Position von Vishnu. (1,3,9)

Begriffserläuterungen des Wagenlenkergleichnises:

  • Der Wagen entspricht dem menschlichen Körper (śarīra)
  • Die 5 Pferde entsprechen den 5 Sinnesorganen (indriya):
    • Augen (cakṣu)
    • Ohren (kara)
    • Nase (nāsikā)
    • Mund (rasa)
    • Haut (tvak)
  • Die Wege entsprechen des Sinnesobjekten
  • Die Zügel entsprechen dem Sinnesbewusstsein, bzw. dem Sinnen-Mental (manas) -> siehe auch unten
  • Der Wagenlenker entspricht der reinen Intelligenz (buddhi) -> siehe auch unten
  • Der Herr des Wagens ist die unsterbliche Seele (ātmā)

Im Wagenlenkergleichnis kommen die Begriffe manas (Sinnesbewusstsein, Sinnen-Mental, Denken) und buddhi (reine Intelligenz) als Synonyme für die Zügel bzw. für den Wagenlenker vor. Die unten stehenden Erläuterungen von Sri Aurobindo sollen ein wenig Klarheit in diese Begriffe bringen.

Sri Aurobindo, die Synthese des Yoga – Seiten 660/661:

„Manas, das Sinnen-Mental, hängt hinsichtlich der Erkenntnis in unserem gewöhnlichen Bewusstsein von den physischen Organen der empfangenden Sinne ab; hinsichtlich des Handelns, das auf die Objekte der Sinne gerichtet ist, braucht es die Organe des Körpers. Die an der Oberfläche verlaufenden, nach aussen gerichteten Betätigungen der Sinne sind ihrem Charakter nach physisch und nervlich. Man kann darum leicht meinen, sie seien nur das Ergebnis der Nerven-Tätigkeit. In den alten Büchern werden sie manchmal prana, Wirksamkeit der Nerven oder des Lebens genannt. Jedoch ist das Wesenhafte in ihnen nicht die nervliche Erregung sondern das Bewusstsein, das Wirken von citta, das den Organismus und die nervliche Einwirkung verwendet und deren Kanal ist. Manas, das Sinnen-Mental, ist die Aktivität, die aus dem fundamentalen Bewusstsein emporsteigt und das Wesentliche dessen ausmacht, was wir Sinne nennen. Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten sind in Wirklichkeit Eigenschaften des Mentals und nicht des Körpers. Das physische Mental jedoch, das wir gewöhnlich verwenden, beschränkt sich darauf, so viel von den äusseren Einwirkungen, wie es durch das Nervensystem und die physischen Organe empfängt, auf die Sinne zu übertragen. Das innere manas besitzt jedoch auch subtiles Sehen, Hören und eine Macht des Kontakts, die allein ihm eigen und nicht von den physischen Organen abhängig ist. Überdies  besitzt es nicht nur die Macht, unmittelbar Kommunikation zwischen dem Mental und einem Objekt herzustellen (was bei einem besonders hohen Aktionsgrad dazu führt, den Inhalt eines Objekts innerhalb des physischen Bereiches oder ausserhalb von ihm zu empfinden), sondern auch von Mental zu Mental. Das Mental ist auch in der Lage, Sinneseinwirkungen zu verändern, umzugestalten, ihre Wirkungskraft, ihre Werte und Intensitäten zu hemmen. Gewöhnlich verwenden oder entwickeln wir diese Mächte des Mentals nicht. Sie bleiben im Hintergrund verborgen. …“

Sri Aurobindo, die Synthese des Yoga – Seiten 661-663:

Buddhi ist eine Konstruktion des bewussten Wesens, die über ihre Anfänge in dem zugrundeliegenden citta weit hinaus geht. Sie ist Intelligenz mit der Macht des Wissens und Willens. Buddhi nimmt alles auf, hat mit aller übrigen Aktion des Mentals, Lebens und Körpers zu tun. Sie ist ihrer Natur nach die Gedanken- und Willens-Macht des Geistes, die sich in die niedere Form mentaler Aktivität verwandelt hat. Am Wirken dieser Intelligenz können wir drei aufeinanderfolgende Stufen unterscheiden. Zuerst ist da ein niederes wahrnehmendes Verstehen, das die Mitteilungen des Sinnen-Mentals, des Gedächtnisses, des Herzens und der der sinnlichen Mentalität einfach aufnimmt, registriert, versteht und beantwortet. Der Verstand erschafft durch seine Mittel ein elementares denkendes Mental, das über die Gegebenheiten der Sinne nicht hinausgeht, sich vielmehr ihrem Gepräge unterwirft, ihre Wiederholungen immer wieder erschallen lässt und sich dauernd im gewohnten Kreise des Denkens und Wollens bewegt, das durch sie angeregt wird. Es folgt gehorsam und unterwürfig der Vernunft, den Suggestionen des Lebens und allen neuen Bestimmungen, die etwa seinem Wahrnehmen und Begreifen angeboten werden. Jenseits dieses elementaren Verstehens, das wir alle in grossem Masse verwenden, gibt es die Macht einer ordnenden oder auswählenden Vernunft und einer Willenskraft der Intelligenz, die sich bei ihrem Werk und Ziel bemüht, zu einer einleuchtenden, ausreichenden und gefestigten Ordnung von Wissen und Wollen zu gelangen, die für eine intelligente Auffassung vom Leben brauchbar ist.

Diese sekundäre oder vermittelnde Vernunft ist trotz ihres reinen intellektuellen Charakters doch ihrer Absicht nach pragmatisch. Sie erschafft eine Art intellektueller Struktur, ein Rahmenwerk, Ordnung, in die sie das innere und äussere Leben zu formen versucht. Sie will es durch Meisterschaft und Lenkung für Zwecke des rationalen Willens brauchbar machen. Diese Vernunft verschafft unserem normalen intellektuellen Wesen feststehende ästhetische und ethische Normen, die Strukturen unserer Anschauung und wohlfundierte Prinzipien von Idee und Ziel. Diese Form von buddhi ist bei allen Menschen eines entfalteten Verstandes hoch entwickelt und hat dort Vorrang. Jedoch gibt es jenseits davon eine Vernunft, eine höhere Wirkungsform von buddhi, die sich in selbstloser Weise darum bemüht, der reinen Wahrheit und dem reinen Wissen nachzujagen. Sie sucht die eigentliche Wahrheit hinter dem Leben, den Dingen und unserem Selbst der äusseren Erscheinungen zu entdecken und ihren eigenen Willen dem Gesetz der Wahrheit zu unterwerfen. Nur wenige, wenn überhaupt jemand, können diese höchste Vernunft in ihrer Reinheit verwenden. Der Versuch dazu ist das Höchste, wozu das innere Instrument, antahkarana, fähig ist.

In Wirklichkeit ist buddhi Vermittler zwischen einem viel höheren Wahrheits-Mental, jenem direkten Instrument des Geistes, das wir jetzt noch nicht aktiv besitzen, und dem physischen Leben des im Körper entwickelten menschlichen Mentals. Ihre Intelligenz- und Willensmächte sind aus jenem höheren direkten Wahrheitsbewusstsein oder Supramental bezogen. Buddhi zentralisiert ihr mentales Wirken in der Ich-Idee, in der Auffassung: „Ich“ bin dieses Mental, dieses Leben, dieser Körper, oder „ich“ bin ein mentales Wesen, das durch deren Aktion determiniert ist. Sie dient dieser Ich-Vorstellung, die durch Egoismus eingeschränkt, durch das Fühlen mit dem Leben rings um uns ausgeweitet ist. Der Ich-Sinn gehört zur Schöpfung; er gründet sich auf das getrennte Wirken des Körpers, des individualisierten Lebens und auf die Reaktionen des Mentals. Die Ich-Idee in der buddhi zentralisiert alles Wirken des Denkens, des Charakters und der Personalität dieses Ego. Das niedere Verstehen und die vermittelnde Vernunft sind die Instrumente seines Verlangens nach Erfahrung und Selbst-Ausweitung. Erst wenn sich die höchste Vernunft und der höchste Willen entfalten, können wir uns jenem zuwenden, was diese äusseren Dinge dem höheren spirituellen Bewusstsein bedeuten. Das „Ich“ kann dann als mentales Widerstrahlen des Selbst, des Geistes, des Göttlichen Wesens angesehen werden, jenes einen Seins, das transzendent, universal und in seiner Vielfalt individuell ist. Das Bewusstsein, in dem sich diese Dinge treffen, zu Aspekten des einen Seins werden und dort in rechte Beziehung zueinander treten, kann von all den physischen und mentalen Hüllen befreit werden. Wenn daraufhin der Übergang zum Supramental stattfindet, gehen die buddhi-Kräfte nicht zugrunde, sondern müssen in ihren supramentalen Wert umgewandelt werden. …“



Dieser Beitrag von Jean-Pierre Wicht ist ein Auszug aus dem am 3. Mai 2020 beginnenden Lehrgangs ‚Einführung in die indischen Schriften‘


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