Yoga ist der Zustand der Realität jedes Menschen

Yogi Paramapadma Dhirananda wurde 2006 eingeladen, anlässlich eines Kolloquiums in Lausanne ein Referat zu halten, an dem auch andere Leiter/innen von Ausbildungsschulen in der Schweiz eingeladen waren. Da er in dieser Zeit gerade in Indien verweilte, beauftrage er seinen Schüler und stellvertretenden Leiter seiner Ausbildungsschule Jean-Pierre Wicht das Referat mit dem Titel: ‚Yoga ist der Zustand der Realität jedes Menschen‘ zu halten, welches unten stehend wiedergegeben wird.

Allgemeine Informationen zum Kolloquium vom 10./11.02.2006 in Lausanne (Text gemäss Ausschreibung):

Das Kolloquium schliesst ein SNF (Schweizer Nationalfond) -Projekt zu ‚Yoga zwischen Indien und der Schweiz: Geschichte und Hermeneutik einer Begegnung‘ ab. Es soll Anlass zum Austausch und zu Zusammenarbeit bieten zwischen praktizierenden Ausbildnerinnen und Ausbildnern des Yoga und jenen, die über die moderne Geschichte forschen. Damit ist das Kolloquium eine Gelegenheit, sowohl verschiedene Yogarichtungen, die in der Schweiz unterrichtet werden, als auch die Forschung über deren Geschichte und Lehre kennen zu lernen. Yogapraktizierende von Schweizer Ausbildungsschulen werden aus ihrer Perspektive über den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis in ihrem Unterricht berichten, während die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts über ihre Methoden und Ergebnisse sprechen werden. Die moderne Geschichte des Yoga und seine Verbreitung über die ganze Welt wirft zahlreiche Fragen auf, denen das Kolloquium nachgehen will, wie z.B. nach der Herausforderung der Einführung einer indischen Technik in einem anderen kulturellen Kontext und nach den dadurch ausgelösten Anpassungen; nach den Unterrichtsarten im schweizerischen Kontext; nach der Wirkungsgeschichte von Büchern über Yoga; oder nach den Formen der Institutionalisierung.

In diesem Zusammenhang ist auch die Forschung von Martin Merz (dipl. Yogalehrer YCH und Indologe) mit dem Thema ‚Ursprünge der Yogapraxis in der Schweiz‚ sehr interessant.

Referat am Kolloquium vom 10.02.2006 in Lausanne von Jean-Pierre Wicht

Ich begrüsse Sie alle herzlich zu meinem Referat und ich möchte mich herzlich bei Herrn Prof. Schreiner und Frau Prof. Burger für die Einladung zu diesem Kolloquium bedanken.

Ich bin der stellvertretende Leiter der Ausbildungsschule des indischen Yogi Dhirananda und gleichzeitig sein Sekretär in der Schweiz. Da er jeweils im Januar und Februar nach Indien zurückkehrt, konnte er leider der Einladung zu diesem Kolloquium nicht nachkommen. Es ist mir eine grosse Ehre, hier in seinem Namen sprechen zu dürfen.

Ich möchte zuerst einige Worte über Yogi Dhirananda sagen. Er wurde 1937 in Kalkutta geboren und ist ein entfernter Verwandter von Paramahansa Yogananda (Autor des Buches: ‚Autobiografie eines Yogi‘). Hauptberuflich ist er als autorisierter Lehrer in der Linie des originalen Kriya Yoga tätig. Da es in der Schweiz vor 1977 keine direkte Begleitung der Kriya Yoga-Schüler gab, schrieben einige Schüler nach Indien in den Puri Ashram von Sri Yukteswar. 1977 kamen dann Swami Hariharanada mit seinem Schüler Dhirananda nach Europa und Yogi Dhirananda erhielt den Auftrag, in Europa zu bleiben und direkt Kriyā Yoga zu lehren. Er wohnte zuerst in D-Schorndorf bei Stuttgart. 1986 gründete er eine Ausbildungsschule zum/zur klassischen Yogalehrer/in. Klassisch meint, dass sich die Ausbildung an den klassischen Schriften orientiert, vor allem gemäss dem achtstufigen Yoga-Weg nach Rishi Patañjali. Nach dem Umzug vom Yogi Dhirananda 1997 nach A-Bregenz, verlegte er den Standort der Yogalehrer-Ausbildung nach Speicher in der Schweiz und ernannte mich 1998 zum stellvertretenden Schulungsleiter.

Bei meinem heutigen Thema geht es mir weniger darum, über Yoga als Übung oder als eines der sechs Philosophien Indiens zu sprechen. Die meisten Ausbildungsschulen unterrichten gemäss den Richtlinien des EBP (Europäischen Basisprogramm) der EYU (Europäische Yoga Union), so auch unserer Ausbildung. Da in diesem EBP festgelegt ist, was die Ausbildungsschulen lehren müssen, möchte ich heute eher von der Grundhaltung bzw. dem Hintergrund des Yoga sprechen, welche eigentlich die Hauptbasis oder -Fundament ist oder sein sollte. Der Titel dieses Referats lautet daher: Yoga ist der Zustand der Realität jedes Menschen.

Meistens spricht man davon, dass Yoga eine Philosophie, ein Heilsweg oder eine Übung ist. Selten hört man die grundlegende Bedeutung von Yoga, nämlich, dass Yoga in erster Linie Einheit bedeutet – von yuj – anjochen, verbinden, vereinen. Yoga ist der Zustand der Einheit zwischen dem Körper, dem menschlichen Bewusstsein (mind) und dem transzendenten Bewusstsein (ātmā, Selbst, göttlicher Funke, usw.). Damit wird Yoga zu einem überreligiösen Thema, das die ganze Menschheit betrifft. Dieses Anjochen oder Verbinden zur Transzendenz kommt in jeder Religion vor – einzig, dass andere Namen für das Transzendente, wie z.B. Gott, Allah, Brahman, Manitu, usw., verwendet werden.

Rishi Patañjali hat im 2. sūtra der Yoga-Sūtren eine ganz klare Definition von Yoga geliefert: yogaś citta-vṛtti nirodhaḥ. Dies bedeutet: Yoga ist, wenn, alle Neigungen (vṛtti) von citta (dem menschlichen Bewusstsein, bestehend aus Ego – ahakāra, manas – engl. mind und Intelligenz/Verstand – buddhi) versiegelt (nirodhaḥ) sind. Dies beschreibt ganz klar einen Zustand des Menschen, nämlich den niruddha- oder samādhi-Zustand. Yoga meint also jenen Zustand, wo das menschliche Bewusstsein zur Ruhe gekommen ist, dass die Transzendenz (wir sprechen im Yoga von ātmā), welche jeden Moment in uns anwesend ist, bewusst wahrgenommen und verwirklicht werden kann. Dieser Zustand der Einheit (advaita) ist in jedem Menschen da, bei den meisten aber unbewusst. Somit ist also jeder Mensch unabhängig von seiner Religion ein Yogī oder eine Yoginī. Das Ziel wäre, von einem unbewussten Yogī oder einer unbewussten Yoginī, zu einem bewussten Yogī bzw. einer bewussten Yoginī zu werden. Deshalb ist Yoga der Zustand der Realität jedes Menschen, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit.

Jesus sagt in der Bergpredigt eine ähnliche Aussage wie Patañjali: Selig sind die geistig Armen. Wenn man hier selig mit allglückselig oder ānanda, der Qualität der ewig währenden Freude von ātmā oder paramātmā gleichsetzt, dann ist es klar, dass man diese Qualität nur dann verwirklichen kann, wenn man geistig arm oder arm an Geist ist. Letzteres meint das zur Ruhe kommen des Geistes oder citta-vṛtti nirodhaḥ.

Das nebenstehende Bild zeigt Buddha, welcher sich bewusst in diesem Zustand der Einheit befindet. Nichts von dieser Welt, was ihn umgibt, kann ihn aus dieser Ruhe bringen.

Die nebenstehende Abbildung zeigt den Unterschied, wie das Einheitsprinzip bei einem selbstverwirklichten und einem ’normalen‘ Menschen wirkt.
Beim noch nicht selbstverwirklichten Menschen ist eine mehr oder weniger starke Wand zwischen dem menschlichen Bewusstsein und dem transzendenten Bewusstsein oder ātmā vorhanden, zudem ist das menschliche Bewusstsein durch viele Verdrängungen und durch falsches Denken getrübt. Der Zustand der Einheit ist noch nicht bewusst da. Der Unterschied des Verhaltens im Vergleich zu einem selbstverwirklichten Menschen oder jemandem der den Yoga-Zustand bewusst erfahren hat, zeigt sich vor allem dann, wenn ein Problem auf den entsprechenden Menschen einwirkt. Dann wird der sonst schon unruhige Geist (mind) noch unruhiger und der Mensch reagiert eher emotional. Hingegen bleibt der selbstverwirklichte Mensch, dessen menschliches Bewusstsein völlig klar und gereinigt ist und dauernd direkte Verbindung mit ātmā spürt, völlig ruhig.

Ich habe viele schwierige und unmögliche Situationen zusammen mit meinem Lehrer Dhirananda erlebt, doch stets reagierte er ruhig und liebevoll. Bemerkung: er erhielt den Namen Dhirānanda von seinem Lehrer, dhīra bedeutet ruhig oder weise, ānanda bedeutet glückselig.

Wir sehen also, dass Yoga in erster Linie ein innerer Zustand der Einheit ist. Viele Yoga-Wege und Traditionen haben zwar verschiedene Methoden und Wege, doch alle führen zum gleichen Ziel, bei dem der Zustand der Einheit bewusst erfahren wird.

Ein Prinzip, das hilft, dieses Ziel zu erreichen, eine solche Grundlage stammt aus der originalen Kriyā Yoga-Tradition. Mit Kriyā Yoga werden oft auch verschiedene Reinigungsübungen gemeint oder es wird mit Yoga der Tat oder Karma-Yoga gleichgesetzt. Worüber ich hier jetzt sprechen möchte, ist das Kriyā Yoga-Prinzip des originalen Kriyā Yoga, welches im Westen vor allem durch das Buch ‚Autobiografie eines Yogī‚ von Paramahansa Yogananda bekannt geworden ist. Die Yogalehrerausbildung von Yogi Dhirananda ist in der Tradition des originalen Kriyā Yoga verwurzelt. Daher durchdringt das Grundlagenprinzip des Kriyā Yoga aus dem Hintergrund diese Yogalehrerausbildung.

Zunächst möchte ich die Wortbedeutung erklären, welche Aufschluss gibt, was die Methode des Kriyā Yoga meint. Kri bedeutet tun, gemeint sind alle Handlungen, welche wir tun. Mitist ātmā oder das in uns anwesende transzendente oder göttliche Bewusstsein gemeint. Yoga bedeutet, wie schon oben erläutert, Einheit.

Somit meint Kriyā Yoga grundsätzlich: Einheit mit ātmā oder Einheit mit unserer immanenten Transzendenz in jeder Handlung. Darum kann man Yoga in jeder Handlung, sei es bei der Arbeit oder in der Freizeit, bewusst spüren und verwirklichen.

Es geht um eine Aufmerksamkeit. Es geht um ein bewusstes Spüren und somit um ein Empfinden der Einheit in jedem Moment. Als Beispiel: Während ich jetzt das Glas zum Mund führe, um zu trinken, beobachte ich dies mit der inneren Hingabe und mit einer vertrauensvollen Öffnung auf eine Kraft im Hintergrund, welche diese Aktion ermöglicht und bewirkt. Wir können erkennen, dass man nicht zwingend ein Sanyāsin mit Rückzug von der Welt werden muss, sondern, dass man als Mensch, natürlich auch als Familienmensch, in der Welt das Ziel von Yoga erreichen kann.

Ich möchte das Kriyā-Prinzip mit der Hilfe des 1. sūtra des 2. pāda (sādhana pāda) von Patañjali erklären:

tapaḥ svādhyāya īśvara praṇidhānāni kriyāyoga

Oft wir dieser sūtra wie folgt übersetzt: Der Yoga der Tat besteht aus Askese, Schriftenstudium und Hingabe an Gott.

Aus Kriyā Yoga Sicht ist mit tapas eine innere Askese gemeint. Das 6. cakra oder ājña-cakra wird auch tapaḥ-loka genannt. Im Kriyā Yoga wird jeden Moment versucht, das Bewusstsein in tapaḥ-loka zu halten, das heisst jede Bewegung und jede Handlung von dort aus zu spüren. Der ‚Wohnort‘ von ātmā oder des transzendenten Bewusstseins ist in diesem cakra. In den Schriften steht geschrieben: ātmā wohnt in der Höhle des Herzens. Hier ist aber nicht das physische Herz gemeint, sondern das spirituelle Herz. Aus Kriyā-Sicht liegt dieses im Bereich des ājña-cakra. Durch dieses Halten des menschlichen Bewusstseins im 6. cakra machen wir ātmā zum Zeugen jeder Handlung.

Wie schon gesagt wird svādhyāya wörtlich mit Schriftenstudium übersetzt. Yogi Dhirananda empfiehlt seinen Kriyā Yoga Schülern folgende Schriften zu lesen: die Bibel, die Upaniṣaden und die Bhagavadgītā. Dies ist das äussere svādhyāya. Aus Kriyā Yoga Sicht ist aber vor allem das innere svādhyāya wichtig. Sva bedeutet selbst, ādhyāya bedeutet Studium, svādhyāya bedeutet somit Selbststudium oder Studium des SELBST oder ātmā. Gemeint ist das Kennenlernen von ātmā.

Dies kann man nicht durch Lesen von Büchern oder Studieren des Veda erreichen, sondern durch Innenschau mit Hilfe von Meditation, hauptsächlich unterstützt durch öffnendes Vertrauen, durch Hingabe/Liebe. Damit sind wir beim dritten Punkt im Kriyā Yoga sūtra von Patañjali angekommen.

Der dritte Punkt im Kriyā Yoga sūtra von Patañjali ist īśvara praṇidhānāni oder Liebe Hingabe, Vertrauen in Gott. Dies meint, sich führen zu lassen von Gott (īśvara). Gott ist als Funke oder als transzendentes Bewusstsein (ātmā oder Selbst) in jedem Lebewesen anwesend und spricht jeden Moment zu uns. Doch das menschliche Bewusstsein kann seine Worte nicht hören. Je mehr die Wand oder der Vorhang zwischen dem menschlichen Bewusstsein und ātmā dünner wird, desto besser können wir SEINE Botschaft verstehen. Es geht also darum, dass sich das menschliche Bewusstsein vom transzendenten Bewusstsein berühren und führen lässt. Je mehr der Zustand der Einheit verwirklicht ist, das heisst Yoga etabliert ist, desto besser ist īśvara praṇidhānāni möglich.

Im Kriyā Yoga werden göttliche Inkarnationen wie Jesus oder Krishna symbolisch mit ātmā oder dem Selbst gleichgesetzt. Eine schöne Analogie, dass man sich von innen führen lassen soll, ist in der Bhagavadgītā beschrieben. Krishna (transzendenter Teil oder ātmā) ist der Wagenlenker von Arjuna (menschlichen Teil). Arjuna lässt sich mitten auf dem Schlachtfeld von Krishna belehren und von IHM führen.

Nebenstehendes Bild stammt aus dem Buch ‚Die Bhagavad-Gita – Gott spricht mit Arjuna‚ von Paramahansa Yogananda

Wir haben jetzt gehört, welche Grundhaltung bzw. welches Prinzip unsere Tradition der Yogalehrerausbildung charakterisiert, nämlich, Yoga als Zustand der Einheit und das Prinzip des Kriyā Yoga, dem bewussten Zulassen der Einheit in jeder Handlung.

Doch wie können wir dies in den Yogakursen in die Praxis umsetzen?

Praktisch jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin hat einen anderen Beweggrund, um mit der Yogaübungspraxis zu beginnen. Einige Personen kommen ins Yoga, um ihre Figur zu verbessern, andere weil sie gestresst sind und der Arzt sie geschickt hat oder weil der Nachbar Yoga empfohlen hat. Einige möchten beweglicher oder ruhiger werden, andere möchten besser atmen können. Nur wenige wissen vom Ziel des Yoga und möchten die Übungen meditativ ausführen.
Aus diesem Grund ist das erste Grundprinzip im Yogaunterricht, die Leute dort abzuholen, wo sie sind. Dies heisst, jede Person mit ihrem Beweggrund anzunehmen.

Neben dem Anleiten der klassischen Yogaübungen (āsanas, mudrās und prāṇāyāma-Übungen), können die Yogapraktizierenden dahin geführt werden, dass sie ihre Aufmerksamkeit in jede Bewegung lenken und dabei den Atem bewusst wahrnehmen lernen, usw.

Somit geht es darum, nicht allein die Technik zu vermitteln, sondern vermehrt die Achtsamkeit und das Zulassen zu fördern. Es geht um Verinnerlichung, welche Erkenntnis und Erfahrung der Einheit hervorbringen kann.

Aktuell kann man beobachten, dass sich viele neue Yoga-Arten nicht mehr am Grundprinzip der Einheit zwischen Körper, Geist und Seele (ātmā) orientieren. Vielmehr bezieht man sich auf den Körper, und zwar auf den Körper, den man hat, anstatt auf den Leib, der man ist. Dies ist eine Separation, eine Trennung (viyoga) und keine Einheit (yoga). Entsprechend den Erklärungen während diesem Referat, kann man eine übermässige Orientierung am Körper nicht mehr als Yoga bezeichnen.

Ich danke Ihnen für Ihr aufmerksames Zuhören und ich bin jetzt bereit, allfällige Fragen zu beantworten.