Die Veden

Die Veden – die älteste Textsammlung des Hinduismus. Veda bedeutet wörtlich >Wissen<. Damit ist nicht weltliches Wissen gemeint, sondern absolutes, göttliches Wissen, das auch brahma vidyā genannt wird.

Den Heiligen des Altertums, die Rishis und Munis, wurde in ihrer Meditation dieses Wissen offenbart. Dieses offenbarte Wissen (śruti) haben sie dann dank ihrer enormen Gehirnkraft für die Menschheit gespeichert und so mündlich an ihre Schüler weiter gelehrt.

Die Veden sind die Gesamtheit der ältesten Texte der indischen Literatur, denen der orthodoxe Hindu übermenschlichen Ursprung und göttliche Autorität zuschreibt -> śruti = geoffenbartes Wissen. Dieser große Schriftkomplex (sechsfacher Umfang der Bibel) gliedert sich in folgende vier Abteilungen: Ṛgveda, Sāmaveda, Yajurveda und Atharvaveda.

Wilfried Huchzermeyer – Indologe, Autor und Verleger*) schreibt in „Die heiligen Schriften Indiens“, Seite 7:
„Das Wort »Veda« hat für viele Inder bis heute einen magischen Klang. Es ist das Urwissen aus unvordenklicher Zeit, offenbart und mitgeteilt von den Rishis oder Sehern. Sie empfingen die heiligen Worte in ihrer inneren Schau und brachten sie in inspirierenden Hymnen zum Ausdruck. Jahrtausendelang wurden die Texte dann mithilfe einer perfekten Gedächtnistechnik überwiegend mündlich von Generation zu Generation weitergegeben und erst ab dem 19. Jahrhundert durch den Buchdruck dauerhaft schriftlich fixiert.
Freilich ging im Laufe der Zeit der Schlüssel zum Verständnis verloren, und auch die Übersetzungen waren nicht immer hilfreich. Nur unzulänglich vermitteln sie den hohen spirituellen Wert dieser heiligen Schrift. Manche westliche Gelehrte vermochten gar bei der ersten Lektüre nicht mehr zu entdecken als schlichte Äußerungen eines Nomadenvolkes mit vereinzelten beachtlichen Passagen. ….
Seite 9: Als Sri Aurobindo sich zu Beginn des 20. Jhs. intensiv mit der Götterwelt des Rigveda beschäftigte und viele Hymnen übersetzte, fand er den Schlüssel zu ihrem spirituellen Verständnis. Es wurde ihm deutlich, dass die Götter und ihre Funktionen als Chiffren verwandt wurden, um bestimmte innere Erfahrungen auszudrücken. Die Sprache der Rishis war bewusst verschlüsselt, um den Nicht-Eingeweihten den Zugang zu ihrem geistigen Wissen zu verschließen und dadurch Missbrauch zu vermeiden.“

 *) Es freut uns sehr, dass wir Wilfried Huchzermeyer zu einem Gast-Blogbeitrag über Sri Aurobindos philosophisches Hauptwerk ,Das göttliche Leben‘ gewinnen konnten.

Mehr über den von Sri Aurobindo entdeckten Schlüssel zum Verständnis der Veden etwas später in diesem Beitrag. Zunächst lassen wir Paramahansa Yogananda über die Veden zu Worte kommen:

Paramahansa Yogananda schreibt in „Bhagavad Gita – Gott spricht mit Arjuna Seite 337:
„Das Wort Veda bedeutet Wissen. Die Veden, die >göttlich offenbarten< und am meisten verehrten heiligen Schriften der Hindus, sind Bücher, die sowohl weltliche als auch geistige Weisheiten enthalten. Eine heilige Schrift dient in erster Linie dazu, der Seele aus der Knechtschaft der Wiedergeburt zu befreien, und in zweiter Linie, die Kunst weltlichen Erfolges zu lehren. Es gibt Leute, welche die Veden blindlings verehren und meinen, man müsse alle Anweisungen buchstäblich befolgen – als göttliche Gebote, die für die Erlösung unerlässlich seien. Die Verfasser dieser aus alten Zeiten stammenden Abhandlungen waren weise genug, Interesse an den heiligen Schriften zu erwecken, indem sie der durchschnittlichen Bevölkerung Methoden zeigten, die zu weltlichem Erfolg führen; sie hofften, die Menschen dann auch dahin zu bringen, dass sie die Regeln der Selbstbeherrschung befolgten, die zur geistigen Befreiung führen.“

Paramahansa Yogananda schreibt in der Autobiografie eines Yogi:
„In der reichhaltigen Literatur Indiens sind die Veden (Wurzel: vid = wissen) die einzigen Texte, die keine Verfasser aufweisen. Der Ṛgveda (10, 90,9) schreibt seine Hymnen und Erzählungen einem göttlichen Ursprung zu und berichtet uns (3, 39,2), dass sie aus >grauer Vorzeit< stammen und später in eine neue Sprache gekleidet wurden. Da die Veden den Rishis (Sehern) von einem Zeitalter zum andern durch göttliche Offenbarungen mitgeteilt wurden, heißt es, dass sie nitjatva, das heißt >zeitlose Gültigkeit< besitzen.
Die Veden waren ursprünglich Laut-Offenbarungen, die von den Rishis unmittelbar gehört (śruti) wurden, und enthalten im Wesentlichen Lieder und Rezitationen. Diese 100‘000 Verse der Veden wurden also mehrere Jahrhunderte lang nicht niedergeschrieben, sondern mündlich durch die Brahmanen-Priester weitergegeben. Weder Papier noch Stein sind gegen die zeitlich bedingten Zersetzungserscheinungen gefeit. Die Veden aber haben sich von einem Zeitalter zum anderen erhalten, weil die Rishis die Überlegenheit des Geistes über die Materie kannten und wussten, dass die geistige Art der Überlieferung die beste ist. Denn was ließe sich mit der >Tafel des Herzens< vergleichen?
Indem die Brahmanen sich die besondere Reihenfolge der vedischen Worte, die phonologischen Regeln der Lautzusammensetzung und die Beziehung der Buchstaben zueinander merkten und indem sie mittels bestimmter mathematischer Methoden die Genauigkeit der auswendig gelernten Texte überprüften, haben sie die ursprüngliche Reinheit der Veden seit grauer Vorzeit bewahrt. Jede Silbe eines vedischen Wortes hat eine bestimmte Wirkung und Bedeutung.“

Die Veden enthalten vor allem Lobeshymnen an die verschiedenen Götter (devas), wie Indra, Agni, Varuṇa usw. und sind für uns heute ohne Kenntnis der indischen Mythologie schwer zu verstehen. Der Ṛgveda enthält Lobhymnen an insgesamt 33 verschiedene Gottheiten. Wieso wählten die Rishis für die Weitergabe des Veda oder brahma vidyā gerade die Form von Lobeshymnen an die Götter (devas)?

Peter Michel schreibt im Vorwort zum Buch  Ṛgveda – das heilige Wissen Indiens, welches die deutsche Übersetzung des Ṛgveda von Karl-Friedrich Geldner (1852 – 1929) enthält:  
„Die großen Seher der frühen vedischen Zeit standen bereits vor dem Problem, dass alle großen Weisen und Wissenden nach ihnen ebenfalls zu lösen hatten, nämlich die Frage nach der Wahl der Worte entsprechend dem Verständnis der Zuhörer. Das einfache Volk, in Indien wie in anderen Teilen der Welt, verehrte zu dieser Zeit natürlich Naturgötter und verband unerklärliche Erscheinungen mit dem Wirken einer Götterwelt. Es galt, dieses Bewusstsein anzuheben, was die vedischen Seher versuchten, indem sie den Menschen eine verborgene Ordnung hinter den äußeren Dingen aufzeigten.“

Sri Aurobindo (1872 – 1950) schreibt in ‚Die Grundlagen der indischen Kultur‘ Seite 141:
„Die vedischen Rishis gaben den vom Volk angebeteten Gottheiten eine psychische Funktion. Sie sprachen zu den Menschen von einer höheren Wahrheit, einem Recht, Gesetz, dessen Hüter die Götter waren, von der Notwendigkeit einer wahren Erkenntnis und einem weiteren inneren Leben gemäß dieser Wahrheit und diesem Recht und von einem Heim der Unsterblichkeit, zu dem die Seele des Menschen durch die Kraft der Wahrheit und rechter Handlung aufsteigen konnte. Ohne Zweifel nahmen die Menschen diese Vorstellungen in ihrem äußerlichsten Sinn auf.“ ….
Seite 142: „Die tiefere Wahrheit dieser Dinge war den Eingeweihten vorbehalten, jenen, die bereit waren, den inneren Sinn zu verstehen und zu praktizieren, die esoterische Bedeutung, die in der vedischen Schrift verborgen liegt. Denn der Veda ist voller Worte, die, wie die Rishis selbst es ausdrückten, geheime Worte sind, die ihre innere Bedeutung nur dem Seher enthüllen.“

Paramahansa Yogananda schreibt in „Bhagavad Gita – Gott spricht mit Arjuna, Seite 336:
„Viele vedische Schriften sind tief symbolisch, so dass oberflächlich forschende Gelehrte ihren verborgenen Sinn nicht erkennen; doch haben die Veden in der Form von Riten und Ritualen auch eine äußere Bedeutung, die nur weltlichen Zwecken dient.“ ….
Seiten 337/338:
„Große Yogis deuten die Veden und deren Anweisungen auf geistige Weise. Der exoterische Teil der Veden handelt von den Ritualen, der esoterische Teil von den Erkenntnissen. Die Oberfläche des Körpers und die Nervenzentren, welche die sensorisch-motorische Tätigkeit anregen, werden mit den exoterischen Zeremonien der Veden verglichen. Die inneren, feinstofflichen, astralen Zentren und höheren Bewusstseinsstadien entsprechen den esoterischen Prinzipien der Veden. Die Yogis behaupten, dass der Meditierende, der sich bemüht, das SELBST zu erkennen, über das weltliche Bewusstsein sowie die Sinne und den Körper (die vedischen Rituale) hinauswächst und sich auf die Wirbelsäule mit ihren feinstofflichen, geistigen Zentren des Bewusstseins und der Lebensenergie (die vedischen esoterischen Prinzipien) konzentriert.“

Sri Aurobindo (1872 – 1950) hat sich eingehend mit dem Geheimnis des Veda und der vedischen Götter befasst. Er hat wie oben beschrieben, den Schlüssel zum spirituellen Verständnis der Veden entdeckt.

Seine beiden Bücher „Das Geheimnis des Veda“ und „Vedic Symbolism“ zeugen von seiner langen Forschung, welche er durch seine eigene innere tiefe Verwirklichung vorangetrieben hat.

Ohne Zweifel kann man Sri Aurobindo als einen Rishi und Seher der Neuzeit bezeichnen.

Peter Michel schreibt im Vorwort zum Buch Ṛgveda – das heilige Wissen Indiens:
„Es ist bemerkenswert, dass Sri Aurobindo, der, wie deutlich geworden sein dürfte, zu den genialsten und tiefsinnigsten Deutern des Veda zählt, gleichzeitig auch die unüberhörbare Kritik an einer blindgläubigen Übernahme vedischer Texte in einen neuzeitlichen Bezugsrahmen geäußert hat.“

Sri Aurobindo schreibt in Das Geheimnis des Veda, Seiten 28/29:
„Erst wenn wir zur Interpretation des Veda kommen und Hilfe von den alten indischen Gelehrsamkeit erwarten, fühlen wir uns gezwungen, die größten Vorbehalte zu machen. Denn selbst in den früheren Tagen klassischer Gelehrsamkeit dominierte bereits die ritualistische Betrachtungsweise des Veda. Der ursprüngliche Sinn der Wörter, der Zeiten, der Anspielungen, der Schlüssel zur Gedankenstruktur waren seit langem verloren oder verdunkelt. Auch besaßen die Gelehrten nicht jene Intuition oder spirituelle Erfahrung, die teilweise das verlorene Geheimnis zurückgewonnen haben könnte. In einem solchen Bereich ist bloße Gelehrsamkeit, besonders wenn man sie mit einem einfallsreichen scholastischen Mental einhergeht, ebenso oft eine Falle wie ein Wegweiser.“

Die zentrale vedische Formel aus Atharva Veda 12.1.1 ist:  satyaṁ ṛtaṁ bṛhat

satyaṁ         bedeutet >Wahrheit<
ṛtaṁ             bedeutet >das Rechte< (dieser Begriff wird später durch das Wort dharma abgelöst)
bṛhat            bedeutet >das Weite, das Große<

„The principal psychical conception of this inner Vedic cult was the idea of Satyam, Ritam, Brihat, the Truth, the Law, the Vast”.
Aus Vedic Symbolism, Seite 2 – Central Idea, von Sri Aurobindo

P. Pandit schreibt in Legends in The Life Divine” S. 91
Ungefähre Übersetzung aus dem Englischen von J.P. Wicht:
„Dieser Zustand von Sat-chit-ananda als das Supramentale, vijnana, hat drei Eigenschaften. Satyam, die wesentliche Wahrheit des Seins. Diese Wahrheit ist das Fundament von allem was existiert und was jenseits unserer Vorstellung der gestaltlichen Existenz ist. Sat, die gleiche Wahrheit in jeder dynamischen Handlung, ritam. Es ist die gegliederte Wahrheit des aktiven Seins, das Gesetz der Wahrheit im Werden. Das Recht ist die Arbeitsweise der Wahrheit. Dieses vedische ritam wurde in der späteren Evolution des indischen Geistes als Dharma bekannt: das Gesetz, das eine Sache in seinem Zustand hält, ob im Sein oder Werden. Was essentiell und dynamisch wahr ist, kann keine Grenzen haben. Es ist grenzenlos im Bewusstsein, welche Formulierungen auch immer akzeptiert werden, mit denen man den Zweck von Handlungen zum Ausdruck bringt. Es ist das Große, brihat. …“

Die vier Veden

Der Veda oder das göttliche Wissen (brahma vidyā) ist für die Menschen in dieser Form nicht verständlich und muss zuerst geteilt werden. In jedem Zeitalter, in dem der Veda wieder durch die Rishis offenbart oder gehört wird, braucht es jemanden, der den Veda teilt. Diese Aufgabe übernimmt Veda Vyāsa. Vyāsa ist ein Titel und heißt auch ‚Teiler der Veden‘ (Veda Vyāsa).

In diesem Zeitalter wurde der Veda in vier Veden geteilt und sie sind als folgende Textsammlungen (Saṁhitā) bekannt:

  • Ṛgveda – Veda der Verse
  • Sāmaveda – Veda der Lieder
  • Yajurveda – Veda der Opfersprüche
  • Atharvaveda – Veda der Zaubersprüche

Von Generation zu Generation wurden die Texte zuerst mündlich überliefert, bis die Textsammlungen (Saṁhitā) niedergeschrieben wurden.

Es haben sich mit der Zeit verschiedene Veda-Schulen, Śakhā genannt (= Zweig) gebildet, welche eine bestimmte Fassung eines Veda überlieferten. Hinter jedem Śakhā stehen verschiedene Rishis und deren Nachkommen.

Alle vier Veden bestehen jeweils aus:
-> einem Werkteil (Karmakāṇḍa), dieser enthält Anweisungen für die Durchführung von Riten und Opferhandlungen.
-> einem Wissensteil (Jñanakāṇḍa), dies sind die Upaniṣaden

Paramahansa Yogananda schreibt in „Bhagavad Gita – Gott spricht mit Arjuna, Seite 339:
„Der Rig-Veda ist der älteste oder ursprünglichste Teil der Veden. Seine Philosophie und seine Anweisungen zeigen, dass aus der anfänglichen Verehrung der Naturkräfte schließlich die Erkenntnis des einen Erhabenen Geistes oder Brahmans hervorging – ein Evolutionsschritt, der über die Abhängigkeit von der Gunst der »Götter« zur Herrschaft des SELBST führt. Man nimmt an, dass der Yajur-Veda und der Sama-Veda mehr oder weniger aus dem Rig-Veda abgeleitet wurden. Der Yajur-Veda besteht aus einer bestimmten Aufzählung von Ritualen – einem Handbuch für Priester, welche Zeremonien vollziehen. Der Sama-Veda enthält ausgewählte Gesänge und legt die richtige melodische Betonung für die vedischen Rituale fest. Der Atharva-Veda ist späteren Ursprungs und fasst hauptsächlich Beschwörungen und magische Formeln, mit denen negative Kräfte beschwichtigt und weltliche Vorteile erzielt werden sollen. Einige seiner praktischen Anweisungen sind als die Anfänge der medizinischen Wissenschaft in Indien bezeichnet worden.
Heilige, die aufgrund ihrer göttlichen Intuition in der Lage sind, nicht nur die oberflächliche Bedeutung, sondern den tieferen Gehalt aus dem vedischen Gedankengut herauszulesen, erklären, dass diese Schriften eine zeitlose Wissensquelle darstellen, die alle weltlichen und religiösen Künste und Wissenschaften umfasst.“

Ṛgveda – Der Veda der Verse

Wörtlich: >Das in Versen (ṛg) niedergelegte Wissen (veda).<
Die älteste und umfangreichste der vier vedischen Textsammlungen, zugleich das älteste Zeugnis der indischen Literatur.

Der Ṛgveda steht am Anbeginn der uralten indo-germanischen Kultur. Seine Datierung verliert sich im Dunkel der Zeit, das seine schriftliche Abfassung (zwischen dem 12. und 8. Jh. v. Chr.) nicht identisch mit seiner Entstehung ist. Es besteht heute kein Zweifel mehr, dass der Text über viele Jahrhunderte nur mündlich überliefert wurde.
Gliedert sich in zehn Liederkreise (maṇdala) und umfasst 1028 Hymnen mit 10580 Versen.
Die meisten maṇdalas sind mit dem Namen eines bestimmten Rishi (Seher) verbunden, der auch als Verfasser gilt (z.B. Bharadvāja, Vāmadeva, Vasiṣṭha, Viśvāmitra).

Der Ṛgveda enthält vor allem jene Hymnen, die der hotar (der Rufer), einem der vier Hauptpriester bei der Opferhandlung, rezitierte, um die Götter zum Genuss des Opfers einzuladen (siehe unten stehendes Bild ,Vedische Opferhandlung‘).

Peter Michel schreibt im Vorwort zum Buch  Ṛgveda – das heilige Wissen Indiens:
„Der Rig-Veda ist das vielleicht faszinierendste Dokument jener großen Epoche der vedischen Seher, das auch heute noch, richtig verstanden, Zeugnis von jenen außergewöhnlichen Menschen abzulegen vermag.“

Sri Aurobindo schreibt in Das Geheimnis des Veda, Seiten 17/18:
„Der Rig-Veda ist selbst das eine beachtliche Dokument, das uns aus der frühen Epoche menschlichen Denkens bleibt – die historischen eleusischen und orphischen Mysterien sind seine verblassenden Überbleibsel – als das spirituelle und psychologische Wissen der Menschheit, das aus Gründen, die jetzt schwer zu bestimmen sind, verhüllt wurde durch einen Schleier konkreter, materieller Formen und Symbole, die dem Profanen den Sinn verdeckten, dem Eingeweihten aber offenbarten.“

Sāmaveda – Der Veda der Lieder

Die zweite der vier Sammlungen vedischer Hymnen bildet den Sāmaveda, dessen Name von sāman – >Lied< oder >Melodie< – abgeleitet ist.
Man kann sagen, es ist das Gesangsbuch des Opferpriesters. Es besteht aus 1549 Versen, von denen sich nur 78 nicht auf den Ṛgveda zurückführen lassen. Die Lieder sind meist dem 8. oder 9. Buch des Ṛgveda entnommen.

Die Lieder des Sāmaveda wurden vom Udgātri (Sänger), einem der vier Hauptpriester bei der Opferhandlung, während der Darbringung des Soma-Opfers gesungen (siehe unten stehendes Bild ,Vedische Opferhandlung‘).

Yajurveda – der Veda der Opfersprüche

Der Yajurveda hat zwei Fassungen:

  • der ältere, schwerer zu verstehende (archaische) Schwarze Yajurveda, der von Schulen in fünf Büchern mit unterschiedlichen Versionen kompiliert wurde
  • der jüngere, einheitlichere und leichter zugängliche Weiße Yajurveda, der weitgehend auf den Heiligen Yājñavalkya zurückgehen soll.

Die Opfersprüche wurden vom Adhvaryu, einem der vier Hauptpriester bei der Opferhandlung, während des Vollziehens der heiligen Handlung gemurmelt (siehe unten stehendes Bild ,Vedische Opferhandlung‘).

Atharvaveda – Der Veda der Zaubersprüche

Der vierte Veda, ist dem >Wissen von Zaubersprüchen< gewidmet. Die Atharvans waren eine Klasse von Zauberpriestern.

Er ist viel später als der Ṛg-, Sāma- und Yajurveda entstanden und wurde lange Zeit nicht als Veda anerkannt, obwohl ein Teil seiner 731 Hymnen auf den Ṛgveda zurückgeht. Der Atharvaveda unterlag keiner strengen Abgrenzung, so dass sich ihm eine lange Reihe meist kurzer Upaniṣaden angeschlossen hat.

Von den Anhängern des Vedānta werden nur einige von ihnen anerkannt und benutzt, insbesondere die Muṇḍaka-, Praśna- und Māṇḍūkya-Upaniṣad.

Āyurveda bildet einen Seitenzweig von Atharvaveda.

Bild ,Vedische Opferhandlung‘:

Die Veden bestehen meistens aus Lobeshymnen an die Götter. Doch in Ṛgveda (Vers 10.129) – siehe unten, kommt die Größe der vedischen Rishis zum Ausdruck, indem sie zeigen, dass die Götter nicht die letzte Wirklichkeit sind und dass diese erst nach der Schöpfung entstanden sind.

Schöpfungshymnus gemäß Ṛgveda (Vers 10.129)
Aus dem vergriffenen Buch „Indische Weisheit“, aus dem Sanskrit übersetzt von Jürgen Dünnebier:

Nicht war da Sein noch Nichtsein.
Es war weder der Himmel noch der Raum jenseits davon.
Was war Inhalt? Wo? In wessen Schutz?
War da Wasser, unergründlich, tief?

Da gab es weder Tod noch Unsterblichkeit.
Es gab weder die Wahrnehmung von Nacht und Tag.
Das Eine atmete windlos durch seine eigene Kraft.
Außer diesem gab es nichts weiter.

Am Anfang wurde Finsternis von Finsternis verborgen.
Dieses All war unterschiedsloses Wasser.
Das, was bei seiner Entstehung mit Leere bedeckt war,
das Eine wurde geboren durch die Macht der Wärme.

Begehren ergriff am Anfang jenes
und war als Same des Denkens damit das Erste.
Sich in ihr Herz versenkend,
fanden die Weisen das Band des Seins im Nichtsein.

Ihr Seil war quer gespannt.
Gab es ein Unten? Gab es ein Oben?
Gab es Erzeuger? Gab es Schwangerschaften?
Gab es erst weibliche Kräfte und später männliche?

Wer weiß es genau? Wer wird hier verkünden,
woraus sie entstanden, woher diese Schöpfung kam?
Die Götter kamen erst nach dieser Schöpfung.
Wer also weiß, woraus sie entstanden ist?

Woraus diese Schöpfung entstanden ist
und ob sie von jemandem hervorgebracht wurde oder nicht:
Wenn im höchsten Raum einer ist, der sie überwacht,
der wird es wohl wissen, oder er weiß es auch nicht.

Buchtipp:  Das Geheimnis des Veda – von Sri Aurobindo

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem am 14. März 2021 beginnenden Lehrgang ‚Einführung in die indischen Schriften‘