Gleichnis vom umgekehrten Ashvattha-Baum

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In den Hindu-Schriften (Kaṭha-Upaniṣad, Bhagavadgītā) wird das Universum als umgekehrter Ashvattha-Baum beschrieben, dessen Wurzeln in den höheren göttlichen Welten von sat-cit-ānanda (Sein – Bewusstsein – Glückseligkeit) liegen und dessen Äste in die vielen niederen Welten herabreichen. Die Wurzeln dieses Weltenbaumes (die höchste göttliche Ebene), sind unsterblich und alle anderen Welten sind darin enthalten.

Einleitung

Dieser Blog-Beitrag befasst sich mit dem Gleichnis des umgekehrten Feigenbaumes (Ashvattha-Baum), das in Kaṭha-Upaniṣad aber auch in der Bhagavadgītā vorkommt. Bevor wir die entsprechenden Textstellen anschauen, möchte ich zuerst über den Ashvattha-Baum sprechen, welcher in Indien als heiliger Baum verehrt wird. 

Der Ashvattha-Baum

© Bùi Thuy Ðào Nguyên / CC-BY-SA-3.0

Der Ashvattha-Baum (der heilige Bodhi- oder Feigenbaum Indiens, Ficus religiosa) zeichnet sich durch seine Grösse und Langlebigkeit aus.
Im Buddhismus wird der Ashvattha-Baum als Bodhi-Baum bezeichnet. Buddha soll, unter einem Bodhi-Baum meditierend, die Erleuchtung gefunden haben.
Sri Aurobindo bezeichnet den Ashvattha-Baum auch als den Baum des Kosmos (siehe Schlussbetrachtungen).

Auszug aus Das Yoga-Lexikon von Wilfried Huchzermeyer:

Ashvattha [aśvattha] m der heilige Feigenbaum (Ficus religiosa), auch Pipal oder Bodhi genannt. In der Bhagavadgītā 15.1 wird das Bild des unvergänglichen Ashvattha-Baumes gebraucht, dessen Wurzeln oben (im Himmel) sind, während seine Zweige sich nach unten in die Erde erstrecken.
Dieser Baum gilt als Weisheitsbaum. Wer ihm zu Füßen meditiert, soll – wie dereinst Buddha – zur Erleuchtung gelangen.“

Folgende deutsche Namen werden für den Ashvattha-Baum verwendet:

  • Pappelfeige
  • Heiliger Feigenbaum
  • Bodhi-Baum
  • Buddha-Baum
  • Pipal-Baum

„Der Aswattha [-Baum] symbolisiert gewöhnlich die kosmische Manifestation.“

„Ein Vogel ist ein sehr häufiges Symbol der Seele,
und der Baum steht für das Bild des Universums – der Baum des Lebens.“

Foto von Sri Aurobindo

Sri Aurobindo

Briefe über den Yoga - Band 3, Visionen und Symbole

Gleichnis vom umgekehrten Ashvattha-Baum in der Kaṭha-Upaniṣad

Dies ist eine weitere Belehrung von Naciketa durch Yama, siehe auch Blogbeitrag Wagenlenkergleichnis der Katha-Upanishad.

Sanskrit-Text und Übersetzung

Sanskrit-Text der Kaṭha-Upaniṣad
Teil 2, 3. Kapitel, Vers 1

Übersetzung von Sri Aurobindo
aus dem Buch: Kena and other Upanishads

ῡrdhvamῡlo’vākśākha eṣo’śvatthaḥ sanātanaḥ |
tad eva śukraṁ tad brahma tad evāmṛtam ucyate |
tasmin lokāḥ śritāḥ sarve tad u nātyeti kaś cana |
etad vai tat || 2-3-1 ||

This is the eternal ashvattha tree whose roots are aloft, but its branches are downward. It is He that is called the Bright One and Brahman and Immortality, and in Him are all the worlds established; none goeth beyond Him. This is the thing thou seekest.

Dies ist der ewige Ashvattha-Baum, dessen Wurzeln hoch oben liegen, dessen Zweige aber nach unten gerichtet sind. Er ist es, welcher der Helle, Brahman und Unsterblichkeit genannt wird, und in Ihm sind alle Welten gegründet; keiner geht über ihn hinaus. Dies ist die Sache, die du suchst.

Wort für Wort Übersetzung

SanskritDeutsch
ūrdhvamūlaḥdas, was seine Wurzeln oben hat
avāk-śākhaḥdessen Zweige nach unten gerichtet sind (wörtl. der Baum ist „unten-zweigig“)
eṣaḥdies, dieser
aśvatthaḥAshvattha-Baum
sanātanaḥohne Anfang, ewig
tat evagenau dies
śukraṁweiß, rein, strahlend
tat brahmadas ist Brahman
amṛtaṁunsterblich
ucyatewird genannt
tasminin ihm
lokāḥdie Welten
śritāḥruhen, gegründet sein
sarvealle
tat udieses
na kaś-cananiemand
nātyeti = na atyeti = na ati-etinicht hinaus-geht (jemand)
etat vai tatdies ist wahrlich das

Gleichnis vom umgekehrten Ashvattha-Baum in der Bhagavadgītā

Sanskrit-Text und Übersetzung

Sanskrit-Text in der Bhagavadgītā
15. Kapitel, Vers 1-4

śrī bhagavān uvāca |
ūrdhvamūlam adhaḥśākham
aśvatthaṁ prāhur avyayam |
chandāṁsi yasya parṇāni
yas taṁ veda sa vedavit || 15-1 ||

Der Erhabene sprach:
In seinem eigentlichen Ursprung oben (im Ewigen) verwurzelt und mit seinen Ästen ausgestreckt nach unten, sagt man von dem Ashvattha-Baum, er sei ewig und unvergänglich. Seine Blätter sind die Hymnen des Vedas. Wer ihn kennt ist der Veda-Kundige. (15,1)

adhaś cordhvaṁ prasṛtās tasya śākhā
guṇapravṛddhā viṣayapravālāḥ |
adhaś ca mūlāny anusantatāni
karmānubandhīni manuṣyaloke || 15-2 ||

Die Äste dieses kosmischen Baumes strecken sich nach unten und nach oben (nach unten in die materiellen, nach oben in die supraphysischen Ebenen). Sie wachsen durch die Gunas der Natur. Die sinnlich erfassbaren Gegenstände sind sein Laubwerk. Herunter in die Welt der Menschen senkt er seine Wurzeln der Verhaftung und des Verlangens mit der Folge endlos sich entwickelnden Handelns. (15,2)

na rūpam asyeha tathopalabhyate
nānto na cādir na ca sampratiṣṭhā |
aśvattham enaṁ suvirūḍhamūlaṁ
asaṅgaśastreṇa dṛḍhena chittvā || 15-3 ||

tataḥ padaṃ tat parimārgitavyaṁ
yasmin gatā na nivartanti bhūyaḥ |
tameva cādyaṁ puruṣaṁ prapadye |
yataḥ pravṛttiḥ prasṛtā purāṇī || 15-4 ||

Seine wirkliche Gestalt kann von uns in dieser materiellen Welt der Verkörperung des Menschen nicht wahrgenommen werden, auch nicht sein Anfang und sein Ende und nicht sein Wurzelgrund. Wenn man aber diesen fest verwurzelten Ashvattha-Baum mit dem scharfen Schwert des Freiseins von jeglicher Verhaftung abgehauen hat, sollte man nach jenem höchsten Ziel trachten. Wenn man dies erlangt hat, gibt es keinen Zwang mehr, ins sterbliche Leben zurückzukehren. „Ich mache mich auf den Weg“ (sagt der Vedantische Vers) „um jene ursprüngliche Seele zu suchen, aus der jener uralte Drang zum Handeln hervorgeht.“ (15,3-4)

Kommentar von Sri Aurobindo

Sri Aurobindo schreibt in Essays über die Gita, Seite 433:
„Zuerst kommt die Beschreibung des kosmischen Seins im vedantischen Bild des Ashvattha-Baumes. Dieser Baum des kosmischen Seins hat keinen Anfang und kein Ende, nanto na cadih, weder im Raum noch in der Zeit. Denn er ist ewig und unvergänglich, avyaya. Seine wirkliche Gestalt können wir in dieser materiellen Welt der Verkörperungen des Menschen nicht erkennen; er hat auch keine sichtbare dauernde Grundlage hier unten. Er ist eine unendliche Bewegung, und sein Wurzelboden ist oben im höchsten Bereich des Unendlichen. Sein Prinzip ist der uralte ewige Drang zum Handeln, pravrtti, der ohne Anfang und Ende aus der ursprünglichen Seele alles Seins hervorgeht, adyam purusham yatah pravrttih prasrta purani. Darum ist sein echter Ursprung jenseits der Zeit im Ewigen. Aber seine Zweige erstrecken sich nach unten, und er breitet seine anderen Wurzeln aus und senkt sie hier unten ein, die sich gut anheftenden und anklammernden Wurzeln des Verhaftetsein und Verlangens, mit ihrer Folge des Immer-mehr-Begehrens und einem endlos sich entfaltenden Wirken. Das alles senkt er hier unten in die Welt des Menschen ein. Die Hymnen des Veda werden mit seinen Blättern verglichen. Und der Mensch, der diesen Baum des Kosmos kennt, ist der Veda-Kenner. Hier finden wir den Grund für die etwas geringschätzige Betrachtung des Veda, zumindest des Vedanta, die wir am Anfang beobachtet hatten. Denn die Erkenntnis, die uns der Veda gibt, ist eine Erkenntnis der Götter, der Prinzipien und Mächte des Kosmos. Ihre Früchte sind die Früchte eines Opfers, das dargebracht wird im Verlangen nach den Früchten der Lust, nach Herrschaft in der Natur über die drei Welten auf der Erde, im Himmel und zwischen Himmel und Erde. Die Zweige des kosmischen Baums wachsen sowohl nach unten wie nach oben: nach unten in die materiellen, nach oben in die supraphysischen Bereiche. Sie wachsen durch die Gunas der Natur, denn das dreifache guna ist durchweg das Subjekt der Vedas, traigunya-visaya vedah. Die vedischen Rhythmen, chandamsi, sind die Blätter. Die sinnlichen Gegenstände des Begehrens, die im höchstem Maß durch den rechten Vollzug des Opfers gewonnen werden, sind das ständige Knospen des Blattwerks. Darum ist der Mensch, solange er sich am Spiel der Gunas erfreut und dem Begehren nachhängt, in den Umschlingungen von pravrtti, in den Bewegungen des Geborenwerdens und Wirkens festgehalten. Er bewegt sich ständig im Kreis zwischen der Erde, den mittleren Ebenen und dem Himmel. Er ist unfähig, zu seinen höchsten spirituellen Unendlichkeiten zurückzukehren. Das wurde von den Weisen wahrgenommen. “

Vom Essen der Früchte des Ashvattha-Baumes

Die Früchte des Ashvattha-Baumes sind auch ein Thema beim Gleichnis der zwei Vögel in den Upanishaden. Die Muṇḍaka-Upaniṣad und der Śvetāśvatara-Upaniṣad berichten darüber.

„Zwei Vögel, schön an Flügeln, enge Gefährten, klammern sich an einen gemeinsamen Baum: von den beiden frisst einer die süsse Frucht des Baumes, der andere frisst nicht, sondern beobachtet seinen Gefährten.“ (Muṇḍaka-Upaniṣad 3,1,1)

Die süsse Frucht des Baumes wird im entsprechenden Sanskrit-Text mit pippalaṁ bezeichnet, was eindeutig die Frucht des Ashvattha-Baumes bezeichnet.

Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass sich der Name von Rishi Pippalāda (kommt in der Praśna-Upaniṣad vor) von diesen Früchten ableitet. Es wird gesagt, dass er als Kind unter einen Pippala-Baum (Ashvattha oder Ficus religiosa) gebracht wurde, als seine Eltern starben. Deshalb wird er Pippalāda genannt, was >Esser vom Pippala-Baum< bedeutet.

Sri Aurobindo, das Göttliche Leben, Band 1, Kapitel VII. Das Ich und die Dualitäten – Seite 67:

„Wenn in Wahrheit alles saccidananda ist, können Tod, Leiden, Böses, Beschränkung nur die in der praktischen Wirkung positive, im Wesen negative Schöpfung eines verzerrenden Bewusstseins sein, das aus der totalen, einenden Erkenntnis seiner selbst in den Irrtum von Trennung und partieller Erfahrung verfallen ist. Das ist der Sündenfall des Menschen, wie er in dem poetischen Gleichnis der hebräischen Genesis versinnbildlicht ist. Jener Fall des Menschen ist sein Abirren aus der völligen, lauteren Annahme Gottes und seiner selbst, oder vielmehr Gottes in sich selbst, in ein trennendes Bewusstsein, das jenes ganze Gefolge der Gegensatzpaare nach sich zieht: Leben und Tod, Gutes und Böses, Freude und Leid, Fülle und Mangel, die Frucht eines zerteilten Wesens. Das ist die Frucht, die Adam und Eva, purusha und prakriti, die von der Natur verführte Seele, gegessen haben. Die Erlösung kommt dadurch, dass wir das Universale im Individuum und den spirituellen Begriff im physischen Bewusstsein wiedererlangen. Nur dann kann es der Seele in der Natur erlaubt sein, an der Frucht des Lebensbaumes teilzuhaben, wie Gott zu sein und für immer zu leben. Nur dann kann der Zweck, weshalb sie in das materielle Bewusstsein herabgekommen ist, erfüllt werden, wenn die Erkenntnis von Gut und Böse, von Freude und Leiden, von Leben und Tod dadurch vollendet wurde, dass die menschliche Seele ein höheres Wissen erlangt, das diese Gegensätze miteinander versöhnt, sie im Universalen zur Identität bringt und ihre Zertrennungen in das Ebenbild der göttlichen Einheit umwandelt.“

Schlussbetrachtungen

Ich möchte diesen Beitrag mit einem Auszug aus Sri Aurobindos Epos ‚Savitri‘ komplettieren und beenden, wo er nochmals den kosmischen Baum erwähnt:

„Im unwandelbaren namenlosen Ursprung
Sah man hervortreten wie aus unergründlichen Meeren
Den Schweif der Ideen, die die Welt erschufen,
Und, gesät in den schwarzen Grund der Trance der Natur,
Den Keim des blinden und großen Begehrens des Spirits,
Woraus der Baum des Kosmos empfangen ward
Und seine magischen Arme durch einen Traum des Raumes breitete.
Immense Wirklichkeiten nahmen eine Form an:“

Savitri I – Der Yoga des Königs: Der Yoga der Befreiung der Seele
Deutsche Übersetzung: Wilfried Huchzermeyer

Foto von Sri Aurobindo

Ich danke Wilfried Huchzermeyer für die Durchsicht des Textes und für seine Korrekturvorschläge.